Stadtoasen    
In vielen Städten und Gemeinden gibt es für Jugendliche zu wenig beziehungsweise keine geeigneten Freiräume. Fehlende öffentliche Grünflächen, knappe finanzielle Ressourcen, komplexe und langwierige Planungsvorläufe sowie unzureichende Strukturen bürgerschaftlichen Engagements lassen oftmals wenig Spielraum für die Beteiligung von Jugendlichen an der Stadtentwicklung.

Stadt wird von den Jugendlichen daher nicht als Raum erlebt, in dem sie als Teil der Stadtgesellschaft willkommen sind und die Möglichkeit erhalten, aktiv an der Entwicklung öffentlicher Räume mitzuwirken.
Die gebräuchlichen Formate der Bürgerbeteiligung sind für Jugendliche wenig attraktiv.
Öffentliche Aushandlungsprozesse werden als zu abgehoben und als im Ergebnis unverbindlich erlebt.
Lange Zeithorizonte kommunaler Planungen und Entwicklungsprozesse sind inkompatibel mit dem Zeiterleben Jugendlicher, die eine sehr kurzfristige Auswirkung ihres Handels erwarten.

Ungenutzte Resträume, Stadtbrachen und städtebauliche Entwicklungsflächen sind in diesem Kontext einerseits eine Chance für die Stadtentwicklung, was die Entwicklung neuer Nutzungen und die insbesondere die breite Partizipation betrifft andererseits eine Chance für Jugendliche als „Stadtmacher/innen“ wirksam werden zu können

Orte          
Als temporäre Aktionsräume, die Jugendliche selbst gestalten, eignen sich:
- städtische Brachen
- Restflächen von Verkehrsbauwerken
- ungenutzt oder im Umbruch  befindliche Stadtplätze
- Abstandsgrün
- städtische Entwicklungsflächen

Nutzungen       
STADTOASEN werden nur dann ein Erfolg, wenn gelingt, an die Interessen und vor allem Leidenschaften der Jugendlichen anzuknüpfen und ihnen ein lohnendes Ziel für das besondere Engagement in Aussicht zu stellen.
Anknüpfungspunkte sind:
- Treffen, Chillen
- (Jugend-)Kultur mit Kino, Musik, Tanz, Kunst
- Gastronomie
- Sport und Spiel
- Gärtnern und Natur erleben
- generationenübergreifende Projekte
Bei der Durchführung stellen sich in der Regel generationenübergreifende Kooperationen ein. Gestaltung sowie die Angebote richten sich meist an alle Bevölkerungsgruppen.

Auftrag          
STADTOASEN haben in der Regel einen konkreten Auftrag der Stadtentwicklung:
- Jugendliche testen als Raumpioniere experimentell neuartige oder kontrovers
  diskutierte Nutzungen im öffentlichen Raum.
    Dabei werden wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich einer künftigen, beziehungsweise dauerhaften Nutzung gewonnen.
- Jugendliche stellen Öffentlichkeit her und stoßen Diskussionen um städtebauliche Themen und die Nutzung öffentlicher Räume an.
- Jugendliche führen Planungsbeteiligung durch.

Die zu bespielenden bzw. zu entwickelnden Flächen werden daher in enger Abstimmung mit den Stadtplanungsämtern ausgewählt, die Erfahrungen fließen in die Prozesse der Stadtentwicklung ein.

Mittel           
Bei der Gestaltung wird auf einfach zu beschaffende Elemente zurückgegriffen
- Leihmaterialien: Paletten, Bauzäune, Bierträger
- Billigmaterialien: Netze, Planen, Folien, Kunststoffplatten, Latten, Holzreste
- Leuchten

Strategie           
Stadtoasen sind eine Strategie, mit der Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene selbst in die Lage versetzt werden, mit niederschwelliger fachlicher Hilfestellung, unterstützenden Strukturen in der Verwaltung und einem eigenen Budget, ihre Aktionsräume selbst zu gestalten und zu inszenieren. Der temporäre Charakter eröffnet viele Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten, die bei einer dauerhaften Planung aufgrund rechtlicher und finanzieller Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. Orte werden in das öffentliche Bewusstsein gerückt, Bürger aller Bevölkerungsgruppen zum Engagement motiviert und es werden rechtzeitig Diskussionen über Entwicklungsmöglichkeiten bestimmter Stadträume angestoßen. So können unkonventionelle Nutzungen exemplarisch getestet, Erfahrungen gesammelt, im Vorfeld oft bestehende Vorbehalte ausgeräumt und damit eine nachhaltige Akzeptanz gesichert werden.

Methode           
STADTOASEN sind in verschiedenen schulischen und auch außerschulischen Kontexten möglich:
- fächerübergreifende Unterrichtsprojekte im Zuge der vertieften Berufsorientierung in der 7. und 8. Klasse an Mittelschulen
- P- Seminar (Projektseminar) in der gymnasialen Oberstufe in den Fächern Kunst,
  Sozialkunde, Geografie, Wirtschaft
- Außerunterrichtliche Projekte in allen Schularten u.a. im offenen und gebundenen Ganztag
- Projekte mit der offenen Jugendarbeit, in Kooperation mit dem Streetwork
- Projekte mit lokalen Interessengruppen, Initiativen, Vereinen (Sport, Kultur, ...)

Projektworkshops mit Schüler/innen und fachlicher Begleitung durch Architekt/innen bündeln die konzeptionelle Vorbereitung in wenigen Schritten und flankieren die erfolgreiche Umsetzung.

Jugendliche aus erfolgreich durchgeführten Projekten geben regelmäßig ihr Know-How als Stadtoasen-Macher/innen an die Projekte der Folgejahrgänge weiter. 
Auf zahlreichen Tagungen und Podien zum Thema Stadtentwicklung vertreten sie ihre Interessen und stellen die Methode der STADTOASEN vor.
Seit 2011 wirken Oasenmacher/innen im Jugendforum des Bundesbauministeriums mit und beraten dieses in Fragen der Jugendbeteiligung.
Das vorhandene Know-How wird in zahlreichen Lehrerfortbildungen mit dem Ziel Folgeprojekte anuzustoßen, weitergegeben

Ausgehend von Rosenheim finden STADTOASEN auch an anderen Orten statt - teilweise mit direkter Unterstützung der Oasenmacher/innen aus Rosenheim, teilweise selbständig:
Göppingen:     Schlossplatz (2012), Karlstraßenviertel (2013)
Augsburg:     Sommerlounge an der Wertach (2013, 2014, 2015)
Regensburg: Baukulturfest Nibelungenkaserne (2014)
Kempten:    Bahnhofsplatz (2014/15)
Fürth:    Ort noch nicht sicher (2014/15)
Coburg: Designtage (2015)
München: Grünspitz (2015)

Nutzen   
Kompetenzen in außerunterichtlichen Projekten erwerben
Mit externen Partnern und außerhalb des Schutzraums Schule wird unter realen Bedingungen und mit echter Verantwortlichkeit der Schüler/innen für Gestaltung, Zeitplanung, Organisation und Finanzierung gearbeitet.

Engagement und Leidenschaft entwickeln
Die Projekte erfordern ein gegenüber regulären Projektseminaren höheres Maß an Engagement und mehr Zeitaufwand (höher als im regulären Projektseminar), das nicht erzwungen werden kann.
Um die Schüler/inne über einen langen Zeitraum motivieren zu können, setzen Stadtoasen an deren Leidenschaften und Interessen (oft Kultur  und Gastronomie) an und verschaffen Ihnen den Rahmen, Ihre Wünsche zu verwirklichen.
Teil der Stadtgesellschaft werden
Jugendliche werden von der „erwachsenen“ Stadtöffentlichkeit, die sie sonst oft nur als Störfaktor (Lärm, Schmutz, Rumhängen) erlebt, positiv wahrgenommen.
Jugendliche erleben im Projekt ihre Selbstwirksamkeit und erfahren Anerkennung.
Jugendliche gehen als Raumpioniere voraus und zeigen den Erwachsenen neuen Wege der Feiraumnutzung auf, die diese oft gerne aufgreifen.
Aus Impulsprojekten Jugendlicher entwickeln sich interessenzentrietre Generationenprojekte.

Kunst und Kultur schaffen
Ohne Vorgaben und Einschränkungen entwickeln Jugendliche eigene Kulturformate, setzen diese um und improvisieren den gestalterischen Rahmen dafür.
Hierbei geht es Ihnen erfahrungsgemäß nicht um die Abgrenzung ihrer Jugendkultur sondern um breite Anerkennung in allen Generationen und Kreisen der Stadtgesellschaft.   

Projektseminar    STADTOASEN werden unter anderem im Projekt-Seminar der gymnasialen Oberstufe in Bayern durchgeführt. Das P-Seminar dient grundsätzlich zur Studien- und Berufsorientierung hat seinen Schwerpunkt in  der Vermittlung einer umfassenden Handlungskompetenz zur Studien- und Berufswahl und zur Bewältigung der Anforderungen in der Berufswelt. Eine zentrale Zielsetzung des dreisemestrigen Seminars ist es, dass Schülerinnen und Schüler allgemein mit Projektmanagement, das eine zentrale Organisationsform der heutigen Arbeitswelt darstellt, vertraut gemacht werden und eine systematische Einbindung von und kontinuierliche Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern und Experten erfolgt. Wesentliche Kennzeichen projektorientierten Arbeitens ist das Vernetzen der Disziplinen wie hier der Fächer Kunst, Sozialkunde, Wirtschaft und Geografie sowie die Erweiterung des Lernortes Schule in den außerschulischen Lebensraum. Hierbei werden überschneidende Kompetenzen gefördert und gefordert
wie überfachliche Methodenkompetenzen z. B. Recherchetechniken, Themenerschließung, Arbeitsplanung, Präsentations- und Moderationstechniken sowie Selbstkompetenzen z. B. Einschätzung eigener Stärken und Schwächen, die Fähigkeit und Bereitschaft zur Erarbeitung von Alternativ-Strategien, Verantwortungsbewusstsein,  Einsatz- und Risikobereitschaft, Eigeninitiative, Selbstorganisation (Zeitmanagement, Zielorientierung, Selbstdisziplin, Zuverlässigkeit u. a.) und Sozialkompetenzen  z. B. Kommunikationsfähigkeit und Vermittlungskompetenz (schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit u. a.), Kritikfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Kooperationsfähigkeit. Am Beispiel des Projektseminars STADTOASEN werden diese Ziele, Kennzeichen und Kompetenzentwicklungen ersichtlich und konkretisiert.

Projektablauf   
Im folgendem wird der Verlauf eines Projektseminars STADTOASEN exemplarisch aufgeführt:
   
Projektvorbereitung    März – Juni 2013
    Die im Projektseminar zur Verfügung stehenden Zeitressourcen wurden zu vier Nachmittagsworkshops zwischen März und Juni 2013 gebündelt, zwischen denen die organisatorischen Vorbereitungen in Teams erledigt wurden.
    Laufende Abstimmungen in und zwischen den Teams fanden in einer geschlossenen Facebook-Gruppe statt.

1. Projektworkshop
    - Untersuchung der in Frage kommenden Orte auf ihre Eignung und Potentiale
    - Ermittlung von Talenten und Leidenschaften der Teammitglieder
    - Entwicklung räumlicher Ideen, Gestaltungsmöglichkeiten und Nutzungsszenarien im Modell
   
2. Projektworkshop
    - Festelegung von  Programm und Angeboten
    - Erfassung aller notwendigen Arbeitsschritte in einem Zeitpfeil
    - Aufteilung von Verantwortlichkeiten, Teambildung für die Projektorganisation

3. Projektworkshop
    - Erarbeiten einer räumlichen Lösungen für die ausgewählte Fläche im Modell
    - Abstimmung zur laufenden Projektorganisation

Abstimmungsrunden
    - Abstimmung zur laufenden Projektorganisation
    - Überprüfung im Modell
     
Aufbau     2 Tage
- Materialbeschaffung, Einkäufe im Vorfeld
- Transporte, Bau, Gestaltung

Veranstaltung
- je nach Projekt: 2-3 Tage, 2 Wochen, ein Sommer
- Kunst, Kultur, Sport, Spiel, Treffen, Chillen, Gastronomie, ...

Finanzierung   
Ziel des Projekts ist es, möglichst viele lokale Partner einzubinden und als Unterstützer und Sponsoren zu gewinnen.
Zur Durchführung von STADTOASEN bedarf es aber dennoch eines Budgets für Sachkosten:
- Genehmigungen und Gebühren,
- Ausleihe, Mieten
- Materialeinkäufe
- Werkzeug
- Fremdleistungen (Ton- und Veranstaltungstechnik, Transporte, ...)
In den Projekten werden in der Regel durch Einnahmen aus dem Cafébetrieb und vor allem durch Besucherspenden zum Teil beachtliche Einnahmen generiert.
Zuvor ist jedoch ein Budget für den Materialeinsatz notwendig, dass später durch die Einnahmen ausgeglichen wird.
Es bestehen Fördermöglichkeiten bestehen im Rahmen von:
- Bürgerfonds in den Städtebauförderungsprogrammen „Soziale Stadt“
  und „Stadtumbau Ost/ West“
- „Beauftragung“ von Öffentlichkeitsarbeit, bzw. Bürgerbeteiligung
  durch Stadtplanungsämter im Rahmen der Stadtentwicklung
- Budgets der regionale Kulturförderung oder Wirtschaftsförderung







Beispiel Rosenheim   
Im Sommer 2009 konnte mit Kindern und Jugendlichen der örtlichen Hauptschule erstmals ein bisher nur zum Parken genutzter Straßenraum in eine temporäre Aktionsfläche verwandelt werden. In Planungswerkstätten mit ausgewählten Schulklassen wurden zunächst Nutzungs- und Gestaltungsideen gesammelt und zur Umsetzungsreife weiterentwickelt. In einer mehrtägigen Bauaktion gelang es, auch extravagante Ideen – wie Wasserbecken und Inseln – mit vereinten Kräften und aus billigsten Materialien zu realisieren. Daraufhin konnte die »Oase« von Kindern und Jugendlichen für einige Tage genutzt und der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.
Stadtmobiliar, das sich in der Praxis bewährt hatte, wurde daraufhin als Grundstock für künftige Oasen im Werkunterricht weiterentwickelt und in dauerhafter Form gebaut.

Leben unter Brücke, 2010
Ein unwirtlicher, bisher nicht für nutzbar gehaltener Raum unter einer Straßenbrücke wurde in einem offenen Jugendprojekt erstmals bespielt. Das Ergebnis waren klare Vorgaben für die bauliche Umgestaltung und ein beispielgebendes Veranstaltungsformat, das mittlerweile Nachahmer aus dem Stadtteil gefunden hat.

Oase am Salzstadel, 2010
Ein neu gestalteter, bislang nur zum Parken genutzter Stadtplatz konnte in einem Praxisseminar zu neuem Leben erweckt werden. Für ein Woche wurde eine breite Palette an Nutzungen getestet, die auf überwältigend positive Resonanz aller Bevölkerungsgruppen stieß. Das Ergebnis war ein umfangreiches Sommer-Kulturprogramm (Tanzveranstaltungen, Kino-Open-Air, Bandauftritte, Kinderprogramm, u.a.) auf dem Platz, das sich in Form einer Stadtteilwoche, veranstaltet von jungen Oasenmacher/innen und lokalen Akteuren versteigt hat.

Stadtoase am Mühlbach, 2011
Mit dem Know-how der Aktiven und lokalen Partnern sowie mit Unterstützung aus Politik und Verwaltung konnte im Sommer 2011 auf einer innerstädtischen Brache eine ganzjährige Stadtoase entstehen. Die umzäunte Fläche für Freizeit,
    Erholung, Spiel und Kultur öffnete immer dann ihre Pforten, wenn ein Projektpartner sein Projekt durchführt beziehungsweise ein Café-Kiosk geöffnet war und für die notwendige soziale Kontrolle sorgte. Mit Fördermitteln und hohem ehrenamtlichem Engagement der jungen Stadtmacher/innen konnte schrittweise die notwendige Infrastruktur aufgebaut werden, wie ein Kinomobil zur Durchführung von Open-Air-Kino oder ein Cafémobil.

Sommercafé am Salzstadel, 2012
Seit Jahren kreist die öffentliche Diskussion um die Bebauung eines Teils eines Stadtplatzes für eine gastronomische Nutzung.
In Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt wurde beschlossen, mit einem temporären Sommercafé die Möglichkeiten und Grenzen am Ort sowie die Akzeptanz in der Bürgerschaft  auszuloten. Im Rahmen eines Praxisseminars wurde ein zweiwöchiges Sommercafé konzeptionell vorbereitet und vor Ort errichtet. Zwei Wochen boten die Jugendlichen Cafébetreib mit breitem kulturellem Rahmenprogramm - zur Begeisterung aller Anwohner/innen. Es besteht nun Klarheit welche Art und welchen Umfang eine dauerhafte Gastronomie an diesem Ort haben kann.

tomorROw – Zukunft Bahnhof Rosenheim, 2013
Die Stadt Rosenheim plant, langfristig die zur Zeit brachliegende Bahnhofsflächen zu einem belebten Teil der Stadt zu machen. Als Auftakt zu diesem Großprojekt hat das Stadtplanungsamt die Stadtoasen beauftragt, einen attraktiven Rahmen für die Bürgerbeteiligung zu schaffen.
Mehrere Tage lockten ein angenehmes Ambiente, eine Ausstellung der Planungen und vor allem ein vielfältiges Kulturprogramm mit Konzerten, Vorführungen und Kino viele Bürger/innen auf den Bahnhofsvorplatz.

Infos    Projektdurchführung:
Jan Weber-Ebnet, Dipl.Ing. Architekt
mit Jugendmitarbeiter/innen aus den Projekten

jan.weber-ebnet@architektur-und-schule.org